Michael Thoss, Allianz- Kulturstiftung
Ulrich Janetzki, LCB

Die Osterweiterung der EU hat einen historisch gewachsenen Kulturraum vielfältig neu zergliedert und unterteilt. Die neue Ostgrenze der EU wird immer undurchlässiger und stellt neben der mexikanisch-amerikanischen Grenzbefestigung den mit den modernsten Techniken bewachten und kontrollierten Grenzstreifen weltweit dar. Visa-Bestimmungen verhindern den einst regen kulturellen Austausch in der Region oder schränken ihn stark ein. Ethnische Minderheiten, die bisher den kleinen Grenzverkehr pflegten, befinden sich jetzt teilweise in und teilweise außerhalb der EU. Das Lebensniveau diesseits und jenseits des neuen 'Eisernen Vorhangs' entwickelt sich erschreckend auseinander und lässt ganze Generationen von Nicht-EU-Bürgern zu illegalen Arbeitsnomaden werden. Wer davon am meisten profitiert sind Schieberbanden und Menschenschleuser.

In diesen neuen Grenzsituationen kommt der Figur des Dichters und Schriftstellers eine besondere Rolle zu: In vielen EU-Grenzländern symbolisieren sie eine letzte nicht korrumpierte Autorität, die den Vereinigungsverlierern und den von der ökonomischen Transformation Ausgeschlossenen ihre Stimme verleiht. In der Ukraine und Weißrussland, wie vor kurzer Zeit auch in den Baltenrepubliken, tragen diese Autoren auf originelle und kämpferische Weise zur Modernisierung und Neuschöpfung der bestehenden Minderheitssprachen bei und werden deshalb von der Jugend wie Popstars verehrt. In Mittelosteuropa interpretieren und kommentieren junge Poeten und Schriftsteller den postsozialistischen Wandel, formulieren ein neues europäisches Selbstverständnis und haben damit einen großen Anteil am Entstehen einer Europa kritisch zugewandten postsozialistischen Jugendkultur.

Um diesen Stimmen Gehör zu verschaffen, wollen wir jährlich mindestens ein literarisches Festival organisieren. Was 2006 in Lemberg begann, findet in diesem Jahr in Leipzig, Bukarest, Iasi und Chisinau seine Fortsetzung.